vortraegeNeue Ausgrabungen in den Sakralzonen von Istria

Als milesische Kolonie wurde Istros (lat. Histria) um die Mitte des 7. Jh. v. Chr. (der literarischen Überlieferung zufolge 657/6 v. Chr.) gegründet. Der Ort befindet sich auf halbem Wege zwischen dem südlichen Arm des Donaudeltas und der heutigen Stadt Constanza (antik Tomis) am Ufer des Sinoe-Sees, der in antiker Zeit eine offene Meeresbucht war. 

Das Siedlungsgebiet von Histria besteht aus zwei Kernbereichen: zum einen im Osten die sog. Akropolis, wo sich u. a. auch die Sakralzone befindet, und zum anderen im Westen die sog. Zivilsiedlung. 

Mehrfach wurde die Stadt gebrandschatzt; die erste Zerstörung datiert offenbar in das Ende des 6. Jh. v. Chr. und geht wahrscheinlich auf einen Skytheneinfall in Folge des Darius-Zuges zurück. Eine weitere Verwüstung kann entweder 339 v. Chr., als es zum Kampf zwischen dem Skythenherrscher Ataias und dem Makedonenkönig Philipp II. kam, oder für das Jahr 313 v. Chr. in Zusammenhang mit der Erhebung westpontischer Poleis gegen den König Lysimachos angesetzt werden. Ferner wurde Histria auch bei den Angriffen des Getenkönigs Burebista im Jahre 48 v. Chr. stark in Mitleidenschaft gezogen. 

All diese Ereignisse spiegeln sich in der Entwicklung der Sakralzone wider. Von den ersten Siedlungshorizonten besitzen wird nur sporadische Kenntnisse. Es handelt sich dabei um Opfergruben sowie um Pfostenlöcher eines hölzernen Tempels. 

Aus dem Anfang des 6. Jh. v. Chr. stammt der erste Steintempel; in einem Bothros wurde Fundmaterial dieser Epoche entdeckt. Doch sind die Reste der Anlage durch die spätere römische Festungsmauer beträchtlich in Mitleidenschaft gezogen worden. 

Um die Mitte des 6. Jh. v. Chr. wurde der Zeustempel errichtet, der aufgrund von Graffiti mit entsprechender Dedikation, die ebenfalls in einem Bothros entdeckt wurden, als solcher identifiziert wird. Ein weiterer Tempel dieser Zeit ist der Aphrodite geweiht worden. Ein Deckziegel mit Widmung an diese Göttin sichert die Zuschreibung. 

Um die Mitte des 3. Jh. v. Chr. wurde ein Tempel errichtet, von dem sich mehrere Bruchstücke seiner Marmorfassade erhalten haben. Wie die Architravinschrift beweist, wurde er für den noch rätselhaften „Großen Gott“ (Theos Megas) errichtet. 

Die gesamte Sakralzone ist im Jahre 48 v. Chr. infolge des Geteneinfalls unter Burebista zerstört worden, wie eine starke Brandschicht zeigt. Die Reste der Kultgebäude wurden nun absichtlich mit einer Lehmschicht überdeckt, was als eine Desakralisierung angesehen werden kann. Jetzt wurde das Gebiet in einen Wohnbezirk umgewandelt. 

Die Lage der römerzeitlichen Sakralzone ist bislang unbekannt. 

Da die griechische Sakralzone von umfangreicher Bebauung aus römischer und römisch- byzantinischer Zeit (1.-6. Jh. u. Z.) überdeckt ist, schreiten die Ausgrabungen nur langsam voran. Nachdem die bereits erwähnten Bauten sowie Altäre und Votivbasen freigelegt worden sind, konnten die Ausgrabungen seit 1990 in den Südabschnitt ausgedehnt werden, um die Existenz der Sakralzone auch in dieser Richtung nachzuweisen. 

Zu den bedeutenderen Resultaten dieser neueren Forschungen zählen die vollständige Freilegung der Fassade des Aphroditetempels, die Identifizierung eines „Heiligen Weges“ aus hellenistischer Zeit, der nach dem Tempel des „Großen Gottes“ orientiert wurde – wobei entlang dieses Weges unterschiedliche Votivbasen aufgestellt sind – und vor allem die teilweise Aufdeckung einer großen Sakralgrube östlich vom Aphroditetempel. Diese stellte sich als eine natürliche Einsenkung in den aus Schiefer bestehenden Felsgrund dar und besaß scharf abbrechende Seitenwände. Auf dem Boden dieser Grube wurde eine aus Kalksteinblöcken bestehende Mauer unklarer Funktion entdeckt. Wahrscheinlich stand sie in Verbindung mit gewissen Prozessionen, die von den Treppenstufen an der östlichen Breitseite des Aphroditetempels von Zuschauern verfolgt werden konnten. Den jüngsten Fundmaterialien zufolge wurde die Grube aus unbekannten Gründen um das Jahr 100 v. Chr. aufgefüllt. Auf die geschlossene Grube wurden einige Votivbasen aus dem „Heiligen Weg“ gesetzt, was auf eine topographische Umstrukturierung des Sakralbezirkes hinweist.