Karasura IV: Die Ausgrabungen auf der Autobahntrasse

von: Michael Wendel
in Vorbereitung

Mit dem vierten Band wird die detaillierte Materialvorlage zu den Ergebnissen der deutsch-bulgarischen archäologischen Ausgrabungen von 1981-1998 auf dem Siedlungsplatz Kaleto beim Dorf Rupkite, Kreis Chirpan in Bulgarien fortgesetzt. Nach den prähistorischen Funden und den Münzen (Karasura Bd. II, Beier&Beran 2002) werden nun die Resultate der Rettungsgrabungen auf der Autobahntrasse vorgestellt.

1987 erhielt das deutsch-bulgarische Archäologenteam die Aufgabe, die Trasse der heutigen Autobahn „Trakija“, die rund 200 m nördlich vom prähistorischen Siedlungshügel „Kaleto“ und der spätantiken Straßenstation und Festung Karasura die Ebene durchschneidet, auf 1 km Länge und 40 m Breite archäologisch zu untersuchen. Schon vorher wurden dort nicht nur die antiken Nekropolen entlang der alten römischen Straßen vermutet, sondern es war durch Oberflächenbegehungen und Zufallsfunde auch bekannt, dass sich hier ein bedeutender, etwa 100 ha großer mittelalterlicher Siedlungsplatz befunden hat. Da die Rettungsgrabungen von vornherein auf drei Kampagnen in den Sommermonaten der Jahre 1988 bis 1990 befristetet waren, konnte das riesige Terrain nur sondiert werden. Trotzdem sind die Ergebnisse zur rund 8000-jährigen Siedlungsgeschichte des Fundplatzes Karasura so reichhaltig, interessant und zum Teil überraschend, dass ihre Publikation in einem eigenen Band der Karasurareihe berechtigt ist.

Nach einer kurzen Einführung in die Forschungsgeschichte, zu den topographischen Besonderheiten sowie zum organisatorischen und technischen Ablauf der Rettungsgrabungen führt der Hauptteil durch die historische Besiedlung in diesem Abschnitt des Fundplatzes Karasura. Alle ausgegrabenen Siedlungsreste werden detailliert beschrieben, zeichnerisch und fotografisch illustriert, analysiert sowie chronologisch und kulturhistorisch eingeordnet. Die Reste der Wohn- und Wirtschaftsbauten und die zahlreichen Bestattungsplätze vermitteln mit ihrem Fundmaterial ein lebendiges Bild mittelalterlicher Siedlungs- und Kulturgeschichte zwischen dem 7. und 13./ 14. Jh. n. Chr. Sie zeugen von der Existenz einer frühmittelalterlichen slawisch-bulgarischen Siedlung aus dem 8. bis 10. Jh. und einer in dieser Größe nicht vermuteten hochmittelalterlichen Ansiedlung aus dem 11.-13. Jh., deren Blüte in die Zeit der byzantinischen Imperatoren aus der Dynastie der Komnenen ins 12. Jh. datiert. Die Art der Totenbestattung und die Grabfunde weisen auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und ihre eigenen Totenrituale hin. Besonders drastisch erscheint die Häufigkeit von postmortalen Körperverstümmelungen und -zerstückelungen als Ausdruck für den Glauben an Widergänger und Vampirismus bei der häretischen mittelalterlichen Bevölkerung des 13. Jh.

Die vorgestellten archäologischen Zeugnisse illustrieren somit sechs Jahrhunderte intensiver mittelalterlicher Siedlungsgeschichte, die sowohl durch friedliche als auch gewaltsame Ansiedlungen von Slawen, Kutriguren, monophysitischen Syrern und paulikanischen Armeniern bestimmt waren. Auch die Eroberungen durch Awaren, Slawen, Bulgaren, Byzantiner und nicht zuletzt durch mitteleuropäische Kreuzfahrer haben dazu beigetragen, der Siedlungsgeschichte des mittelalterlichen Thrakien ein kulturgeschichtlich unverwechselbares Gepräge zu geben, das in dieser Gesamtheit aufzudecken, bislang nur in Karasura gelungen ist.